Der Beginn einer Geschichte

swriter

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Feb 19, 2013
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Wie beginnt ihr eine Geschichte? Fangt ihr mit einer Einleitung an, stellt die Charaktere in Ruhe vor und beleuchtet deren Vergangenheit oder steigt ihr sogleich voll in die Story ein?

Bei fast allen Geschichten steige ich spontan ins Geschehen ein, so als ob plötzlich jemand eine Kamera auf das Geschehen richten würde. Da unterhalten sich zwei Freundinnen schon eine Weile miteinander und dann beginnt meine Geschichte mit einem Satz und der Leser verfolgt das Gespräch, ohne die Vorgeschichte oder den Beginn der Unterhaltung zu kennen.

Oder würdet ihr euch Zeit nehmen und darauf hinweisen, dass es da zwei Freundinnen gibt, die sich seit dem Kindergarten kennen, die sich immer wieder treffen und die sich zum Kaffeetrinken verabredet haben? Präsentiert ihr dem Leser das komplette Gespräch von vorne bis hinten?

swriter
 
Hallo swriter,

alle, von Dir genannten Optionen sind geeignet für einen Anfang. Die Frage ist meiner Meinung nach, zu allgemein gefasst.

Der Umfang der Geschichte hat wesentlichen Einfluss. Bei einer epischen Fantasy-Saga sollte man den Lesern erst mal Land und Leute vorstellen, bevor sie sachte in die Handlung eintauchen.

Bei einer Kurzgeschichte, muss man direkt in der Szene einsteigen, da zählt jedes Wort.

Und zwischen diesen Extremen liegen unzählige Abstufungen und Möglichkeiten.

Spannend finde ich Erzählungen, die mit einem verwirrenden Schluss beginnen, um dem Leser in der folgenden Handlung plausibel zu machen, wie es dazu kommen konnte.

Lg
Faith
 
Mitten in der Handlung...

... ist mein Ding. Ich finde lange Einleitungen und Beschreibungen der Szene ermüdend. Lieber lass ich die Leser durch die Augen der Protagonisten blicken. Wie sehen diese ihre Welt? Wo sind ihre Freuden, Nöte, Ängste? Sollen sie sich den Mund fusslig reden und der Erzähler Pause machen. Bin ich bisher gut mit gefahren.

Lieben Gruß

Sena
 
Wie beginnt ihr eine Geschichte?

Fangt ihr mit einer Einleitung an, stellt die Charaktere in Ruhe vor und beleuchtet deren Vergangenheit oder steigt ihr sogleich voll in die Story ein?


Jede Story hat eine Einleitung, so wie jedes Ding (ausser der Wurst) auch einen Anfang hat.

Wenn Du glaubst du würdest mitten Im Geschehen anfangen, dann ist das eben Deine Einleitung.

Da unterhalten sich zwei Freundinnen schon eine Weile miteinander und dann beginnt meine Geschichte ...

Ah, dass ist Deine Einleitung.


Oder würdet ihr euch Zeit nehmen und darauf hinweisen, dass es da zwei Freundinnen gibt, die sich seit dem Kindergarten kennen, die sich immer wieder treffen und die sich zum Kaffeetrinken verabredet haben? Präsentiert ihr dem Leser das komplette Gespräch von vorne bis hinten?

Da ich meine Geschichten I.d.R. aus der Ich Perspektive schreibe, muss ich meine Einleitungen ganz anders beginnen.

Ich kann Dir daher nur sagen, dass ich Einleitungen die wie ein Lebenslauf beginnen eher langweilig finde. Eine Geschichte muss sich allmählich entwickeln und das geht besser wenn man nicht wie bei einer Kreuzfahrt zu Beginn das Programm präsentiert bekommt.

Also besser ist es wie in Deinem Beispiel, die Freundinnen erzählen (das ist ja schon eine richtige Rahmenhandlung) ob die jetzt ewig befreundet sind, spielt doch nur eine Rolle wenn deren Freundschaft auch in der eigentlichen Handlung wichtig ist.

Aber eine Geschichte die mit dem Lebenslauf der Freundinnen anfängt ist doch uninteressant.

Ich muss Dir aber sagen dass ich ein Problem habe die Beschreibung der Hauptperson am Anfang meiner Geschichte unterzubringen, das ist bei Ich Erzählungen IMHO nicht so einfach, es wirkt wie eine Plattitüde wenn die Erzählende Person gleich im ersten Satz vor dem Spiegel steht, sich durch die langen blonden Haaare streicht, Lippen, Augenbrauen und Augenfarbe überprüft sowie ihr Brüste auf Elastizität testet.
 
Ich muss Dir aber sagen dass ich ein Problem habe die Beschreibung der Hauptperson am Anfang meiner Geschichte unterzubringen, das ist bei Ich Erzählungen IMHO nicht so einfach, es wirkt wie eine Plattitüde wenn die Erzählende Person gleich im ersten Satz vor dem Spiegel steht, sich durch die langen blonden Haaare streicht, Lippen, Augenbrauen und Augenfarbe überprüft sowie ihr Brüste auf Elastizität testet.

"Meine Liebhaber bescheinigen mir einen wahren Knackarsch."
"Ich streiche eine Strähne meiner blonden Haarpracht hinter das Ohr."
"Ich funkle die Waage böse an. 78,5 Kilo... Ich hasse das Teil."
"Auf dem Weg Richtung Wohnungstür fällt mein Blick auf mein Spiegelbild. Was ich sehe, gefällt mir. '
"Oh, du hast deine Haare heute hochgesteckt. Gefällt mir", merkt meine Freundin an.

u. s. w.

Das sind aber dann auch eher Sätze, die ich im Verlauf der Geschichte bringen würde. Recht weit vorne, damit der Leser sich nicht bereits auf einen anderen Typ eingestellt hat, aber nicht in den ersten Sätzen. Solche Informationen bringt man am Besten nebenbei in die Story ein und ich empfinde es als schlechten Stil, wenn man sich direkt im ersten Satz dem Publikum vorstellt.

"Hallo, mein Name ist Sandy. Ich bin 23, wohne in einem verschlafenen Dorf in Bayern, ich habe lange blonde Haare, die mir bis zum Hintern reichen. Meine Schamhaare habe ich abrasiert, ich trage Körbchengröße 85C und das ist meine Geschichte."

Wobei... Manche Leser benötigen diese Informationen, da sie es sich mangels Vorstellungskraft nicht selber ausmalen können.

swriter
 
Aus Lesersicht bevorzuge ich Deine ersten Beispiele, die den aktuellen Moment beschreiben, gerne auch das Wo und die Zeit, eine erste Personenkonstellation...

Das zweite Beispiel hab ich über die Jahre zu fürchten gelernt. Solche Leibesvisiten verbinde ich mit eher schwachen Geschichten, weil sie sich meist auch nur auf das Äußere, das Körperliche konzentrieren.

Wo die Reise bei erotischen Geschichten hingeht, ist ja relativ klar. Den kleinen feinen Unterschied zwischen Erotik und Porno macht, aus meiner Sicht, aber das Warum aus. Wieso kommen diese beiden - oder mehr - zusammen und dafür eignet sich die Situationsbeschreibung besser als ein Steckbrief.

Wer geht schon in eine Bar, macht sich nackig, um dann zu fragen: "So, jetzt kennt ihr mich ja alle. Wer will reden?"

Solche intimeren Details würde im Verlauf einstreuen, schon um einen Spannungsbogen aufzubauen.
 
Also ich bin auch ein Fan des direkten Einstiegs in die Handlung:

»Plötzlich stand er mit dem Messer vor mir.«

Danach kann ich ja immer noch egal was erzählen; was ich gerade will, zB:

»Eigentlich kannten Peter und ich uns schon aus der Schule. Er hatte dann damals Juja studiert und ich vergleichende Literaturwissenschaft. Schon damals hatte er mich jedes Mal geneckt wegen meiner etwas dickeren Oberschenkel, wegen meines kräftigen Pos, wie von Kim Kardashian - "dicker Arsch" hatte er oft gesagt, bevor wir miteinander ausgegangen waren - obwohl ich ihm schon damals immer an der Nasenspitze angesehen hatte, dass er am liebsten in dem Moment genau dort hin gegriffen hätte.

Was er sich aber nicht mehr getraut hatte, seit ich einem seiner Freunde, Stefan, in dem Lokal in der Lange Gasse einmal einen Aschenbecher an den Kopf geworfen hatte. Stefan war eigentlich auch ganz okay. Aber er hatte mir an dem Abend die ganze Zeit nur auf die Brüste gestarrt. Und irgendwann hatte es mir einfach gelangt.

Vor einer Woche hatte mich Peter dann angerufen. Er würde heute in die Stadt kommen wegen einer Verhandlung, und Stefan sei auch dabei, weil er in dem Prozess eine Aussage machen müsse. Wenn ich wolle, konnten wir am Abend davor alle miteinander ausgehen, ganz so, wie früher.

Und jetzt stand er plötzlich mit dem Messer vor mir.


--

Es gibt sicher eine genaue Formulierung für das, was ich hier gerade als Erzählungs-Einstieg gemacht habe... aber im Prinzip: Ich glaube, ich hab da gar nicht so wenig erzählt über die drei handelnden Personen - obwohl, im Grunde: Die "eigentliche" Handlung hat ja noch nicht einmal angefangen.... ;)
 
Last edited:
Ich habe gestern eine Geschichte beendet. Ausgangssituation:

Die 55-jährige Karin sitzt im Wohnzimmer ihrer Tochter. Diese und ihr Ehemann sind bekennende Nudisten, Karin ist es nicht. Das Paar ist nackt, Karin ist bekleidet. Karin muss in die Wohnung ihrer Tochter einziehen und wird aufgefordert, sich anzupassen. Die sonst konservative Karin soll sich nackt vor der Tochter und dem Schwiegersohn bewegen und erfährt obendrein, dass ihre Tochter und ihr Mann ein reges Sexleben pflegen.

Mal abgesehen davon, dass manche Leser die Geschichte direkt schließen, weil diese ein Mutter-Tochter-Gespann thematisiert ... Ich finde den Gegensatz Nudisten/Nicht-Nudisten spannend, zumal sie durch die räumliche Nähe gezwungen sind, sich zu arrangieren. Im Verlauf der Geschichte wird Karin mit nackter Haut und dem Sexleben ihrer Gastgeber konfrontiert. Dies zu skizzieren hat Spaß gemacht, die Verwandschaft der beiden Frauen zueinander erhöht den Reiz meiner Meinung nach zusätzlich.

Dies ist nicht die erste Geschichte, in der ich das Thema Nacktheit thematisiere. Mich reizt es, unterschiedliche Einstellungen zur nackten Haut aufeinandertreffen zu lassen.

Fragen:
Baut die Ausgangssituation Spannung auf? Stört die familiäre Beziehung und wäre es besser gewesen, wenn eine gleichaltrige Frau bei ihrer Freundin einzieht?
Wäre es besser gewesen, die Geschichte damit zu beginnen, dass Karin das erste Mal nackt vor den anderen steht, dann erst der Rückblick, wie es dazu gekommen ist? Ich habe den Text in der dritten Person geschrieben - wäre erste Person aus Karins Sicht besser gewesen?

swriter
 
Baut die Ausgangssituation Spannung auf?
Potenziell? Ja. Ob sie es tatsächlich tut, hängt davon ab, wie die Figuren charakterisiert werden, welche Konflikte daraus entstehen und ob die Handlungen der Figuren nachvollziehbar sind.


Stört die familiäre Beziehung [...]?
Mich persönlich? Ja. Deine Stammleserschaft vermutlich weitaus weniger. Literarisch entscheidend wäre für mich, welche Funktion diese Beziehung innerhalb der Geschichte erfüllt.


Wäre es besser gewesen, die Geschichte damit zu beginnen, dass Karin das erste Mal nackt vor den anderen steht, dann erst der Rückblick, wie es dazu gekommen ist?
Ganz klares: Kommt darauf an. Was soll der Einstieg leisten? Der Einzug kann Erwartungen udn Konflikte heraufbeschwören, der unmittelbare Einstieg Neugier erzeugen. Beides kann funktionieren, genauso gut kann beides langweilen.


wäre erste Person aus Karins Sicht besser gewesen?
Wieder ein ganz klares: Kommt darauf an. Welche Informationen soll der Leser erhalten, wie nah soll er Karin kommen, welche Wirkung möchtest du mit deiner Erzählhaltung erzeugen?


Persönlich: Ich finde das Szenario nicht grundsätzlich ungeeignet, aber in deiner Darstellung fehlt mir die Motivation, die es glaubwürdig und, für mich, damit interessant machen würden. War die Mutter sehr streng mit ihr in ihrer Jugend? Möchte die Tochter ihr es jetzt heimzahlen á la "solange du deine Füße unter meinen Tisch setzt [...]"
Daher wäre für mich die viel interessantere Frage: Wie du glaubwürdig vermitteln willst, dass eine konservative Frau unter diesen Umständen ihre Grenzen überschreitet, ohne, dass sie lediglich den Anforderungen der erotischen Fantasie folgt. Deine Fragen zur Erzähltechnik lassen sich nur schwer beantworten, wenn man den konkreten Text nicht kennt. Weil die Wirkung von der Umsetzung abhängt
 
Potenziell? Ja. Ob sie es tatsächlich tut, hängt davon ab, wie die Figuren charakterisiert werden, welche Konflikte daraus entstehen und ob die Handlungen der Figuren nachvollziehbar sind.



Mich persönlich? Ja. Deine Stammleserschaft vermutlich weitaus weniger. Literarisch entscheidend wäre für mich, welche Funktion diese Beziehung innerhalb der Geschichte erfüllt.



Ganz klares: Kommt darauf an. Was soll der Einstieg leisten? Der Einzug kann Erwartungen udn Konflikte heraufbeschwören, der unmittelbare Einstieg Neugier erzeugen. Beides kann funktionieren, genauso gut kann beides langweilen.



Wieder ein ganz klares: Kommt darauf an. Welche Informationen soll der Leser erhalten, wie nah soll er Karin kommen, welche Wirkung möchtest du mit deiner Erzählhaltung erzeugen?


Persönlich: Ich finde das Szenario nicht grundsätzlich ungeeignet, aber in deiner Darstellung fehlt mir die Motivation, die es glaubwürdig und, für mich, damit interessant machen würden. War die Mutter sehr streng mit ihr in ihrer Jugend? Möchte die Tochter ihr es jetzt heimzahlen á la "solange du deine Füße unter meinen Tisch setzt [...]"
Daher wäre für mich die viel interessantere Frage: Wie du glaubwürdig vermitteln willst, dass eine konservative Frau unter diesen Umständen ihre Grenzen überschreitet, ohne, dass sie lediglich den Anforderungen der erotischen Fantasie folgt. Deine Fragen zur Erzähltechnik lassen sich nur schwer beantworten, wenn man den konkreten Text nicht kennt. Weil die Wirkung von der Umsetzung abhängt
Zunächst einmal danke ich dir für deine Ausführungen. Du hast recht, die Fragen lassen sich wohl erst konkret beantworten, wenn der Text einsehbar ist.

Ich habe diese Geschichte so geschrieben, wie ich es immer mache. Da ist eine Idee, ich setze einen Startpunkt und dann geht es ohne großartig zu überlegen los. Am Ende stehen dann 21 DIN-A4-Seiten. Ich werde auch diese Geschichte im Nachhinein nicht ändern, so wie ich es bei allen anderen Texten handhabe. Nichtsdestotrotz habe ich darüber nachgedacht, was ich hätte anders machen können. Wahrscheinlich wäre es so oder so dieselbe Geschichte für die meisten Leser geworden, wie immer ich mich auch zu den Fragen entschieden hätte.

Zum Hintergrund der Geschichte:
Karins Ehemann ist verstorben, sie kann die Wohnung nicht halten und muss vorübergehend bei ihrer Tochter einziehen. Der Vater war konservativ und hatte kein gutes Verhältnis zu seiner Tochter. In seinem Zuhause hätte es das nicht gegeben, dass jemand spärlich bekleidet oder nackt umherläuft. Die Mutter hat sich nicht getraut, ihrem Gatten zu widersprechen. Zusammen mit ihrem Ehemann genießt die Tochter die Freiheit, die sie im Elternhaus nicht hatte. Dass sie ihre Mutter auffordert, sich in ihrer Wohnung auszuziehen, ist vielleicht eine kleine Racheaktion für früher.

Für manche ist Nacktheit nicht der Rede wert. Andere kostet es Überwindung, sich vor anderen auszuziehen. Diesen Gegensatz (rebellische Tochter, konservative Mutter) fand ich spannend. Ob sich die Geschichte so entwickelt, wie du es dir vorstellst, wage ich zu bezweifeln. Es tritt zwar eine Entwicklung bei der Mutter ein, diese werde ich aber kaum so stark herausarbeiten, wie andere es vielleicht tun würden. Wer meine Geschichten kennt, der weiß, dass die Geschichte mit einer Sexszene endet. Ob das am Ende glaubwürdig genug ist, liegt wohl im Auge des Betrachters. Mit 21 Seiten ist die Geschichte länger als manche andere, ich habe mir also für meine Verhältnisse Zeit gelassen, bis es ans Eingemachte ging.

swriter
 
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